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4. Der normierte und deformierte Mensch: Hinausgehend über den unmittelbaren Bezug zu den Jahren des wirtschaftlichen Wiederaufstiegs setzen sich eine ganz Reihe von Werken auch in allgemeiner Form mit den Folgen einer auf Effizienz und Normierung gerichteten Industriegesellschaft auseinander. Seiner Möglichkeiten, vielleicht auch seiner Fähigkeiten zur Eigenbestimmung beraubt, wird das Individuum zu einer kleinen Nummer in einem nach maschinellen Abläufen organisiertem Gesellschaftsbetrieb. Die Folgen sind die Ausgrenzung jener, die nicht mehr mithalten können unter Lebens- und Arbeitsbedingungen, unter welchen Gesichter zu monotonen Masken und der Alkohol zum Tröster werden. Titel wie „Schaufensterpuppen“, „Hörsaal“, „Flaschen“ „Häftling“ oder „Zwei Frauengesichter“ sprechen für sich.

In den Räumen der Rückertstr. 3 (Coburg) führt die Ausstellung „Krieg und Nachkriegszeit“ exemplarisch durch Borneffs Schaffensphasen. Es geht um Normierung, Rollenbilder und die Deformation des Menschen in einer auf Effizienz getrimmten Gesellschaft. Wo die Farbe innehält, beginnt die Erzählung – das Auge liest zwischen den Schichten. Ein Motiv der Masken, der Rollen, der disziplinierten Körper. Ob sich der Titel „Häftling“ auf die Insassen einer Strafvollzugsanstalt bezieht, darf bezweifelt werden. – Wahrscheinlicher ist, dass der Künstler mit dem Werk versinnbildlicht, dass wir uns selbst von wirtschaftlichen Grundlagen und Normen abhängig, ja „verhaften“, und in unseren ureigenen Strafvollzug stecken lassen. Schön kommt dies beispielsweise im Text von „Hotel California“ der Eagles zum Ausdruck. Dort gibt es eine Passage, ich zitiere: „we’re all prisoners of our own device“ (wörtlich übersetzt so viel wie: Wir sind alle Gefangene unserer eigenen Vorhaben (Pläne)), die genau diese hier abgebildete Situation treffend beschreibt. Die hier gezeigten Aufnahmen entstanden am 5. Mai 2025 im Rahmen einer vom Bund der Selbstständigen (BDS) angebotenen Führung.

Die Führung übte Rupert Appeltshauser aus – engagierter Ehrenamtlicher und (seit 17.06.2025) stellvertretender Vorsitzender der Initiative Stadtmuseum Coburg e.V. Die Projektrealisierung lag bei „Wirgestalten e.V.“ – einem Netzwerk von Produktdesign-, Innenarchitektur- und Architekturstudenten der Hochschule Coburg. Besuchen konnte man die Ausstellung vom 22. März 2025 bis zum 11. Mai 2025.

Herzlichen Dank auch an die Städtischen Sammlungen Coburg (SSC) für die Erlaubnis, die Bilder auf meiner Website veröffentlichen zu dürfen.

Bilddaten: Lithografie „Häftling“, 1981, 42 × 57 cm (Fundus der Städtischen Sammlungen Coburg).