Image Flaschen

Wählen Sie die Bildrechte

4. Der normierte und deformierte Mensch: Hinausgehend über den unmittelbaren Bezug zu den Jahren des wirtschaftlichen Wiederaufstiegs setzen sich eine ganz Reihe von Werken auch in allgemeiner Form mit den Folgen einer auf Effizienz und Normierung gerichteten Industriegesellschaft auseinander. Seiner Möglichkeiten, vielleicht auch seiner Fähigkeiten zur Eigenbestimmung beraubt, wird das Individuum zu einer kleinen Nummer in einem nach maschinellen Abläufen organisiertem Gesellschaftsbetrieb. Die Folgen sind die Ausgrenzung jener, die nicht mehr mithalten können unter Lebens- und Arbeitsbedingungen, unter welchen Gesichter zu monotonen Masken und der Alkohol zum Tröster werden. Titel wie „Schaufensterpuppen“, „Hörsaal“, „Flaschen“ „Häftling“ oder „Zwei Frauengesichter“ sprechen für sich.

In der Ausstellung „Krieg und Nachkriegszeit“ (Rückertstraße 3, Coburg) verdichten sich Biografie und Zeitgeschichte zu einer klaren Bildsprache. Inhaltlich richtet sich der Blick auf Normierung, Rollenbilder und die Deformation des Menschen in einer auf Effizienz getrimmten Gesellschaft. Zwischen Licht und Schatten formt sich ein Gedanke, der länger wirkt als ein Blick. Ironie und Kritik schimmern unter der Oberfläche. Das Bild Flaschen könnte zwei Punkte ansprechen: Einmal den Mythos des Wirtschaftswunders mit dem wirtschaftlichen Wiederaufstieg, denn wie konnte eine Gesellschaft es sich nach den Kriegswirren es sich so schnell leisten, so viel zu feiern, was man an der Menge der Flaschen festmachen kann. Zum Zweiten aber vor allem unsere überbordende Wohlstandsgesellschaft mit ihrem teils schon krankhaften Konsumverhalten, speziell einem drohenden Alkoholismus – die vielen leeren Flaschen drängen diese Gedanken geradezu auf. Dabei stehen einmal durch den drohenden Arbeitsausfall wirtschaftliche Existenzen auf dem Spiel, und im sozialen Bereich Beziehungen, Ehen und der soziale Abstieg bis hin zur Isolation. Hinzu kommen die Kosten, die für Behandlung und Rehabilitation getragen werden müssen. Es hat lange gedauert, bis die Politik erkannt hat, dass hier Handlungsbedarf ist. Meilensteine waren hier die verschärften Altersbegrenzungen für Alkoholgenuss und die Verschärfungen für den Alkoholeinkauf für Jugendliche und das Verbot der Alkoholwerbung. Gleiches gilt im Übrigen auch für die Raucher. Die hier gezeigten Aufnahmen entstanden am 5. Mai 2025 im Rahmen einer vom Bund der Selbstständigen (BDS) angebotenen Führung.

Durch die Führung begleitete Rupert Appeltshauser, langjähriger ehrenamtlicher Kulturvermittler (Initiative Stadtmuseum Coburg e.V., seit 17.06.2025 stellvertretender Vorsitzender). Die Projektrealisierung lag bei „Wirgestalten e.V.“ – einem Netzwerk von Produktdesign-, Innenarchitektur- und Architekturstudenten der Hochschule Coburg. Die Ausstellung startete am 22. März 2025 und lief in verlängerter Form bis zum 11. Mai 2025.

Herzlichen Dank an die Städtischen Sammlungen Coburg (SSC) für die Erlaubnis, die Bilder auf meiner Website veröffentlichen zu dürfen.

Bilddaten: Kugelstiftzeichnung „ohne Titel (Flaschen)“, 1958, 43 × 33 cm (Fundus der Städtischen Sammlungen Coburg). Der angegebene Bildtitel in Klammern hinter der Bezeichnung „ohne Titel“ wurde von der Studenten der Hochschule Coburg erarbeitet.